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05.Februar 18

Blockchain = Kerbholz revisited

Bei meinem gestrigen Besuch im Europäischen Hansemuseum in Lübeck (übrigens sehr empfehlenswert - www.hansemuseum.eu/museum/ausstellung/) wurde mir im Kabinett "Grundlagen des hansischen Wirtschaftssystems" schlagartig klar, dass die Blockchain-Idee nicht so neu ist, wie man vermuten würde:

Schon die Hanse-Kaufleute des 12. Jahrhunderts dokumentierten ihre gegenseitigen Zahlungsverpflichtungen mittels Einkerbungen auf länglichen Holzstücken, die dann mittig gespalten wurden, so dass die Kerben auf beiden Teilen sichtbar waren. Schuldner und Gläubiger nahmen je eine Hälfte des Kerbholzes an sich, und beim nächsten Handelskontakt konnte der Schuldenstand durch Aneinanderhalten der Kerbholzhälften validiert werden. Bei Begleichung von Schulden wurde die entsprechende Anzahl von Kerben auf beiden Hölzern weggeschnitzt - natürlich ko-präsent, wie man heute sagen würde.

Dieses Prinzip der Validierung geschäftlicher Interaktionen entspricht der räumlich verteilten Dokumentation in der Blockchain. Das im Konsens der beteiligten Handelspartner aktualisierte mittelalterliche Kerbholz ist eigentlich sogar die agilere Methode, weil für die Aktualisierung kein neues Holzstück erforderlich war - eine lineare Dokumentation wie in der Blockchain hätte vermutlich die Abholzung sämtlicher Waldgebiete Europas zur Folge gehabt ...

Und noch ein Unterschied: die hanseatischen Kaufleute hätten sich wahrscheinlich heftig gegen ein Dokumentationssystem gewehrt, das ihren Schuldenstand in der "Cloud", also z.B. einem Verzeichnis im regionalen Hansekontor, nachvollziehbar macht. Die Validierung per geteiltem Holzstück blieb eine Angelegenheit zwischen Gläubiger und Schuldner, nötigenfalls unter Hinzuziehung eines Marktaufsehers, falls der Verdacht einseitiger Manipulation aufkam. Die breite Ver-"Öffentlichung" vertraulicher Informationen, und sei es auch nur zum Zweck der sozialen Validierung, sollte zu Denken geben: nicht umsonst hat die Redensart "etwas auf dem Kerbholz haben" im Laufe der Jahrhunderte einen Bedeutungswandel von wertneutraler Geschäftsdokumentation zu ehrenrührigem Verfehlungsregister erfahren.

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