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26. April 21

Liebe den Dissens, den Motor der Erkenntnis

Es ist schon ein saugutes Gefühl, Zustimmung zu bekommen, oder? Fühlt es sich nicht wunderbar an, richtig zu liegen? Wir freuen uns über den Konsens, Bestätigung, und auch Anerkennung. Ich sehe den Projektleiter im Lenkungsausschuss noch vor mir, als er vom Management hörte: "Ihre Vorschläge sind genau richtig, so gehen wir es an!". Er strahlte, war motiviert und entschlossen die nächsten Schritte zu unternehmen.

Als Coach von Leitungsteams freue ich mich jedoch in anderen Situationen, nämlich:

  • wenn in Diskussionen frühzeitig Meinungsunterschiede angesprochen werden,
  • wenn Interessenskonflikte auf den Tisch kommen,
  • wenn in Kooperationen die unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnisse wahrgenommen wurden.

Im Coaching ist die Analyse eines Streites immer ein Höhepunkt für den Coachee, denn dabei kann er wunderbar die verschiedenen Anteile seiner Persönlichkeit entdecken.

Sie merken, ich bin ein Freund des Dissens, der inhaltlichen Auseinandersetzung.

Wahrscheinlich kennen aber auch Sie die Schattenseiten. Meinungsverschiedenheiten werden ausgesessen, zeigen sich erst in der Umsetzung und führen zu ärgerlichen Verzögerungen. Die übermäßige Konformität im Team führt zum Tunnelblick und wichtige Neuerungen werden verpasst. Der Dissens wird persönlich genommen und führt zu emotional verletzenden Konflikten. Alles richtig - und womöglich wurden solche und ähnliche Erfahrungen auch schon oft so gemacht, dass es vernünftig erschien, den Dissens zu vermeiden - ganz im Einklang mit der so deutschen Sehnsucht nach Harmonie. Dies ist verständlich, aber nicht nützlich für die Entscheidungsfindung und die Entscheidungswirkung.

Um Meinungsverschiedenheiten konstruktiv, um sie gewinnbringend zu nutzen plädiert Prof. Dr. Martin Eppler für ein gutes Design des Dissens-Dialoges. In einem dreijährigen Forschungsprojekt an der Universität St. Gallen wurden vier Schritte identifiziert:

  1. Dem Dissens das richtige Label verpassen - Uneinigkeit bedeutet, mehrere Perspektiven, Erfahrungen und Optionen mitzudenken. Kein Raus aus der Komplexität in die Simplifizierung, sondern ran an den Speck der Vielfältigkeit.
  2. Visualisieren - die unterschiedlichen Standpunkte darstellen, z. B. über mentimeter.com.
  3. Themen und nicht Personen diskutieren und
  4. richtig konsolidieren. Zu dem Öffnen der Diskussion über den Dissens gehört das Schließen über die Konsolidierung.

Verabschieden Sie sich bitte von der Fiktion, immer einen Konsens erreichen zu müssen. Dieser Anspruch ist unrealistisch. Fordern Sie die Teilnehmer*innen stattdessen auf, die nach einer inhaltlichen Auseinandersetzung getroffene Entscheidung loyal mitzutragen und ihre darauf anschließenden Entscheidungen in ihren Verantwortungsbereichen konsequent an dieser Entscheidung auszurichten.

Für mich ist der Dissens eine großartige Möglichkeit zu lernen. Fast immer entdecke ich neue Perspektiven oder Interpretationen. So ist der Dissens stets ein Motor der Erkenntnis für mich!

Martin J. Eppler: Dissens Design - wie man bei der Arbeit besser streiten kann.
In: Organisationsentwicklung, Zeitschrift für Unternehmensentwicklung und Change Management, 2021, Heft 2, S. 7-9

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