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28. Juli 26

Change Management: Früh vor die Welle kommen

Ein Kundenbeispiel zeigt, wie schnell Organisationen heute ihren strategischen Modus wechseln müssen – und warum vorausschauende Selbsterneuerung zu einer Schlüsselfähigkeit wird.

Der Wechsel kommt schneller als das Umdenken

Wer die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre beobachtet, erkennt ein Muster: Die Taktung, mit der Unternehmen ihren strategischen Grundmodus wechseln müssen, hat sich drastisch verkürzt. Vor dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine war Wachstum das dominierende Thema. Fachkräfte waren knapp, Produktionskapazitäten reichten nicht aus, und Unternehmen rangen darum, ihre Expansion organisational überhaupt bewältigen zu können. Mit dem Kriegsbeginn und den explodierenden Energiepreisen rückte Dekarbonisierung schlagartig in den Mittelpunkt – nicht nur aus klimapolitischer Überzeugung, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit. Heute befinden sich viele Unternehmen erneut in einem anderen strategischen Modus: Kostenoptimierung, Konsolidierung, Fokussierung und die Sicherung der eigenen Überlebensfähigkeit stehen im Vordergrund.

Drei grundlegend verschiedene Modi in wenigen Jahren. Jedes Mal verändert sich nicht nur die Strategie. Es verschiebt sich auch, was als gute Führung gilt, welche Entscheidungen plausibel erscheinen, welche Ressourcen knapp werden und welche Routinen plötzlich nicht mehr tragen. Strukturen, Kulturen und eingeübte Praktiken stammen dabei oft noch aus dem vorherigen Modus. Der Wechsel kommt schneller als das Umdenken.

Damit wird sichtbar: Change Management gerät unter Druck, wenn es erst dann einsetzt, wenn die strategische Richtung bereits feststeht. Dann ist der Handlungsdruck hoch. Führungskräfte sollen Orientierung geben, müssen den neuen Modus aber selbst erst verstehen. Kommunikation, Beteiligung und Qualifizierung bleiben wichtig – aber sie greifen zu spät, wenn die Organisation auf den Moduswechsel innerlich noch nicht vorbereitet ist.

Die Frage lautet daher nicht, ob Change Management gebraucht wird. Sie lautet, an welcher Stelle es beginnt. Reicht es, Veränderung erst dann professionell zu begleiten, wenn sie bereits entschieden ist? Oder muss Change Management früher ansetzen – dort, wo erste Signale bereits sichtbar sind, aber ihre organisationalen Konsequenzen noch nicht feststehen?

Genau diese Frage wird an einem aktuellen Kundenbeispiel besonders greifbar.

Wie schnell es gehen kann, zeigt die Praxis

Ein Unternehmen, das wir derzeit begleiten, befand sich auf einem ausgeprägten Wachstumskurs. Personalaufbau war über Jahre die vorrangige Aufgabe, neue Bereiche entstanden, Führungsstrukturen wurden ausgebaut, und die Unternehmenskultur formte sich entlang der Logik von Expansion. Wachstum war nicht nur ein Ziel, sondern ein Deutungsrahmen: Mehr Menschen, mehr Verantwortung, mehr Kapazität galten als Ausdruck von Erfolg.

Die Planung für das kommende Geschäftsjahr zeichnet nun ein fundamental anderes Bild: Es zeigen sich ein deutlicher Umsatzrückgang, gewachsene Strukturen und erhebliche Überkapazitäten. Gleichzeitig eröffnet sich in einem Geschäftsfeld eine vielversprechende Wachstumschance. Diese Chance kann jedoch nur genutzt werden, wenn das gesamte Unternehmen in kurzer Zeit Kräfte bündelt und Ressourcen neu verteilt.

Was im Rückblick wie eine abrupte Kehrtwende wirkt, war bei näherer Betrachtung nicht völlig überraschend. Die Markteinschätzung erfahrener Führungskräfte hatte über längere Zeit auf eine Abschwächung hingedeutet. Auch Veränderungen im Erwartungshorizont zentraler Share- und Stakeholder waren bekannt. In einzelnen Bereichen waren bereits Anzeichen personeller Überkapazitäten spürbar. Die relevanten Informationen für eine fundierte Szenariobetrachtung lagen somit vor. Sie wurden allerdings nicht systematisch in vorbereitende organisationale Arbeit übersetzt.

Die Folgen sind heute deutlich spürbar. Führungskräfte sollen Mitarbeitende in andere Bereiche entsenden – und tun dies kurzfristig auch, weil sie die Logik der Situation nachvollziehen können. Gleichzeitig entsteht Unsicherheit: Bedeutet die Abgabe von Ressourcen den schleichenden Abbau des eigenen Verantwortungsbereichs? Was bedeutet Leistung, wenn nicht mehr Wachstum, sondern Fokussierung gefragt ist? Und wie sicher ist die eigene Rolle, wenn Instrumente zur Vermeidung betriebsbedingter Kündigungen diskutiert werden?

Der eigentliche Engpass liegt damit nicht allein in der strategischen Entscheidung. Er liegt im Deutungsrahmen der Organisation. Die Wachstumslogik ist tief in den mentalen Modellen verankert – in Vorstellungen von Status, Wirksamkeit, Bereichsgröße und guter Führung. Wenn nun eine andere Logik erforderlich wird, entsteht ein Widerspruch, der sich nicht allein durch zusätzliche Kommunikation auflösen lässt.

Das ist kein Versagen von Führung. Es ist eine erwartbare Folge, wenn eine Organisation lange in einem Modus erfolgreich war und nun in einem anderen funktionieren soll, ohne die Zwischenräume frühzeitig zu antizipieren. Genau hier zeigt sich, warum es wichtiger wird, vor die Welle zu kommen: Je später eine Organisation beginnt, mögliche Moduswechsel zu erfassen, desto stärker erlebt sie den Wandel als Bruch – selbst, wenn die Signale längst vorhanden waren.

Zwischen Signal und Entscheidung liegt der eigentliche Hebel

Viele Organisationen verfügen über Daten, Marktbeobachtungen, Kundenfeedback, Stakeholderhinweise und interne Frühsignale. Trotzdem führen diese Informationen nicht automatisch zur nötigen Vorbereitung. Zwischen dem Wahrnehmen eines Signals und dem Aufbau organisationaler Handlungsfähigkeit liegt eine Lücke. In dieser Lücke entscheidet sich, ob Change Management später nur noch reparierend wirkt – oder ob es den Wandel frühzeitig vorbereiten kann.

In dem beschriebenen Fall hätte eine frühzeitige Arbeit mit Szenarien schwierige Entscheidungen nicht verhindert. Auch Überkapazitäten wären dadurch nicht verschwunden. Aber die Organisation hätte anders auf die Situation blicken können. Führungskräfte hätten früher besprechen können, welche Logik in einem Konsolidierungsmodus gilt, welche Rolle Ressourcentransfers spielen, welche Statusannahmen dadurch infrage gestellt werden und welche Narrative den Wechsel plausibel machen.

Der Unterschied ist erheblich: Werden diese Fragen erst unter Druck verhandelt, werden sie schnell persönlich. Dann wird jede Ressourcenverschiebung zum Signal eines möglichen Bedeutungsverlusts. Werden sie hingegen früher bearbeitet, entsteht ein gemeinsamer Bezugsrahmen. Der Wandel bleibt anspruchsvoll, aber er kommt nicht mehr überraschend.

Change Management früher zu denken heißt deshalb nicht, Entscheidungen vorwegzunehmen oder Unsicherheit künstlich zu reduzieren. Es bedeutet, die Organisation auf unterschiedliche strategische Logiken vorzubereiten, bevor eine davon akut wird.

Was sich von hochzuverlässigen Organisationen lernen lässt

In militärischen Organisationen unterscheidet man zwischen den grundlegenden Operationsarten Angriff und Verteidigung – zwei Modi, die nicht nur unterschiedliche Ressourcen erfordern, sondern auch unterschiedliche Logiken, Haltungen und Entscheidungsroutinen. Was professionelle Streitkräfte auszeichnet, ist nicht die besondere Exzellenz in einem bestimmten Modus, sondern die Fähigkeit, im laufenden Gefecht zwischen den verschiedenen Modi zu wechseln – ohne dass die Handlungsfähigkeit der Organisation verloren geht.

Diese Fähigkeit entsteht nicht im Moment des Wechsels. Sie entsteht durch intensive Vorbereitung: durch Szenarien, die im Vorfeld durchgespielt werden, durch Entscheidungsrahmen, die bereits vor dem Ernstfall festgelegt sind und durch Routinen, die auch unter Druck abrufbar bleiben. Karl Weick und Kathleen Sutcliffe haben in ihrer Forschung zu hochzuverlässigen Organisationen gezeigt, dass genau dieser Mechanismus den Unterschied macht: Handlungsfähigkeit unter Druck entsteht nicht durch Improvisation allein, sondern durch vorbereitete Aufmerksamkeit, eingeübte Routinen und Deutungsrahmen, die auch in unübersichtlichen Situationen schnell aktiviert werden können. Organisationen, die in diesem Sinne funktionieren – etwa Notaufnahmen, Flugzeugträger oder Feuerwehreinheiten – investieren einen erheblichen Teil ihrer Aufmerksamkeit in das Vorbereiten von Situationen, die sie eigentlich vermeiden möchten.

Übertragen auf Unternehmen bedeutet das: Handlungsfähigkeit im Moduswechsel entsteht nicht allein durch gute Improvisation. Sie entsteht dadurch, dass mögliche Wechsel der strategischen Logik im Vorfeld durchdacht werden. Wachstum, Konsolidierung, radikale Transformation oder fokussierte Erneuerung verlangen jeweils unterschiedliche Führungsimpulse. Wer diese Unterschiede erst erkennt, wenn die Entscheidung bereits gefallen ist, verliert Zeit und erzeugt vermeidbare Reibung.

Der beschriebene Kundenfall macht genau diesen Punkt deutlich. Die Signale waren vorhanden. Was fehlte, war ein organisationaler Rahmen, der sie in Vorbereitungsarbeit übersetzt: in Szenariogespräche, in Führungsdialoge über mögliche Zukünfte, in ein gemeinsames Vokabular für unterschiedliche strategische Modi sowie in vorbereitete Interventionen, die bei Bedarf schnell aktiviert werden können.

Vorausschauende Selbsterneuerung als Konsequenz

Im osb-i Kontext bekommt der Begriff der vorausschauenden Selbsterneuerung hier eine praktische Bedeutung. Er beschreibt keine Prognosefähigkeit und auch keinen Anspruch, die Zukunft besser zu kennen als andere. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit einer Organisation, Umweltveränderungen, eigene Muster und eingeschliffene Routinen so zu beobachten, dass sie ihre Veränderungsfähigkeit rechtzeitig erneuern kann.

Damit rückt ein anderer Fokus in den Vordergrund. Es geht nicht nur um die Frage: Wie setzen wir eine beschlossene Veränderung um? Sondern um die Fragen, die davor gestellt werden müssen: Welche Entwicklungen könnten unseren strategischen Modus verändern? Welche Logiken wären dann plausibel? Welche unserer heutigen Erfolgsannahmen würden uns helfen – und welche würden uns blockieren? Welche Führungs- und Kooperationsformen müssten wir dann aktivieren können?

Diese Perspektive schließt an ein systemisches Verständnis von Change an: Organisationen lernen nicht erst durch Trainings oder Kommunikationskampagnen. Sie lernen, indem sie ihre eigenen Muster beobachten, Rückmeldungen verarbeiten, Widersprüche besprechbar machen und daraus neue Handlungsoptionen entwickeln. Genau darin liegt der Beitrag vorausschauender Selbsterneuerung: Sie verschiebt Change Management in die Phase, in der aus schwachen Signalen noch Vorbereitung werden kann.

Pierre Wack, einer der prägenden Köpfe der Shell-Szenariotechnik, hat diesen Gedanken für die strategische Arbeit früh beschrieben: Szenarien sind keine Vorhersagen. Ihr Wert liegt darin, dass Organisationen schneller erkennen können, welche Art von Zukunft sich abzeichnet – und welche Handlungslogiken dann erforderlich werden. Für Change Management heißt das: Szenarioarbeit darf nicht bei der Strategie enden. Sie muss in Führung, Kommunikation, Kooperation und kulturelle Muster übersetzt werden.

Konkret bedeutet das:

  • Signale in gemeinsame Deutung überführen. Markt-, Kunden-, Stakeholder- und interne Führungssignale sollten nicht nur berichtet, sondern regelmäßig daraufhin geprüft werden, welche strategischen Modi daraus entstehen können.
  • Strategische Modi beschreiben. Wachstum, Konsolidierung, Transformation oder Fokussierung verlangen unterschiedliche Führungslogiken. Diese Unterschiede müssen benennbar werden, bevor die Organisation unter Druck gerät.
  • Pfadabhängigkeiten sichtbar machen. Jede erfolgreiche Vergangenheit erzeugt blinde Flecken. Im Kundenbeispiel war es die Wachstumslogik, die Status, Erfolg und Führungswirksamkeit geprägt hat. Genau solche Muster müssen früh besprechbar werden.
  • Orientierungsrahmen vorbereiten. Es braucht keine fertigen Pläne für jede Zukunft. Hilfreich sind aktivierbare Leitplanken: Welche Narrative tragen in welchem Modus? Welche Führungsaufgaben werden dringlich? Welche Interventionen schaffen schnell Orientierung?
  • Lernschleifen schließen. Vorausschauende Selbsterneuerung bleibt abstrakt, wenn Signale zwar gesehen, aber nicht in Entscheidungen, Führungsdialoge und konkrete Experimente übersetzt werden.

Resilienz entsteht vor der Welle

Organisationale Resilienz entsteht nicht dadurch, dass eine Organisation möglichst lange stabil bleibt. Sie entsteht durch die Fähigkeit, Instabilität zu verarbeiten, ohne die eigene Handlungsfähigkeit zu verlieren. Nassim Nicholas Taleb hat dafür den Begriff der Antifragilität geprägt und beschreibt damit Systeme, die unter Unsicherheit nicht nur widerstehen, sondern ihre Anpassungsfähigkeit erweitern.

Für Change Management ergibt sich daraus eine veränderte Perspektive: Sein Wert liegt nicht nur darin, beschlossene Veränderung wirksam zu begleiten, sondern vor allem auch darin, die Organisation möglichst früh in Lernbewegung zu bringen: Bevor der Druck maximal ist, bevor Rollenbilder defensiv verteidigt werden und bevor aus schwachen Signalen tiefgreifende Einschnitte geworden sind.

Was wir aus dem Kundenbeispiel mitnehmen, reicht weit über den Einzelfall hinaus: Die Signale für den nächsten Moduswechsel sind in vielen Organisationen bereits vorhanden. Die entscheidende Frage ist, ob es Routinen gibt, die diese Signale in Vorbereitung übersetzen. Genau darin liegt die Bedeutung vorausschauender Selbsterneuerung: nicht als zusätzliches Change-Label, sondern als praktische Antwort auf eine Umwelt, in der der nächste Richtungswechsel meist früher kommt, als die Organisation innerlich bereit ist.

Wer vor die Welle kommen will, muss Change Management deshalb früher denken.

Literaturhinweise

Kotter, J. P. (2014): Accelerate: Building Strategic Agility for a Faster-Moving World. Harvard Business Review Press, Boston.

McKinsey & Company (2023): The State of Organizations 2023: Ten shifts transforming organizations. McKinsey & Company, April 26, 2023.

Taleb, N. N. (2012): Antifragile: Things That Gain from Disorder. Random House, New York.

Wack, P. (1985): Scenarios: Uncharted Waters Ahead. Harvard Business Review, September 1985.

Weick, K. E. / Sutcliffe, K. M. (2007): Managing the Unexpected: Resilient Performance in an Age of Uncertainty. 2. Auflage. Jossey-Bass, San Francisco.

Wimmer, R. & von der Reith, F. (2014): Organisationsentwicklung und Change Management in Praktische Organisationswissenschaft in Wimmer / Meissner / Wolf. 2. Auflage. Carl Auer Verlag.

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