logo

24. März 14

Was ist eigentlich Komplexität?

Die Rede über die zunehmende Komplexität ist in der Unternehmenswelt allgegenwärtig. Einerseits begegnet uns die inzwischen wahrlich nicht mehr neu anmutende Erkenntnis, dass unsere Welt in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches komplexer geworden ist. Vor diesem Hintergrund ist andererseits immer wieder überraschend, wie weit das Management auch heute noch davon entfernt ist, die Erkenntnisse der interdisziplinären Komplexitätsforschung in den Unternehmensalltag zu integrieren. Richard Straub, Präsident der Drucker-Society in Europa, vermutet in seinem HBR-Blogbeitrag, dass Komplexität dem Wunsch nach Kontrolle entgegensteht, den (fast) jeder Manager in sich trägt.

Mit dem Begriff der Komplexität geht nicht selten ein maues Bauchgefühl der Überforderung einher. In einem Fall wie diesem lohnt erfahrungsgemäß ein Blick in die Arbeiten von Niklas Luhmann – vielleicht lässt sich hier eine Idee davon gewinnen, was Komplexität eigentlich ist?

Setzt man dies in die Tat um und schaut bei Luhmann, was dieser zu der Frage nach der Komplexität geschrieben hat, stellt man schnell fest, dass Komplexität nichts ist, was eine Organisation, ein Unternehmen oder ein Manager tut – Komplexität ist vielmehr eine Beobachtung (Luhmann 1997: 136) – daher also das Gefühl im Bauch. Wir beobachten die Welt, die Welt entzieht sich unserer vollständigen Beschreibung, wir begreifen etwas als komplex, wenn es weder vollkommen geordnet, noch vollkommen ungeordnet ist. Komplexe Zusammenhänge kann man nicht berechnen (sonst wären sie „nur“ kompliziert).

Komplexe Zusammenhänge zeichnen sich dadurch aus, dass es in jedem Augenblick mehr potenzielle Anschlussmöglichkeiten gibt, als ich realisieren kann. Typische Assoziationen mit dem Begriff der Komplexität sind das menschliche Gehirn, das Internet, die Gesellschaft. Komplexität zeichnet sich durch ein sich laufend überlagerndes Zusammenwirken von Aktuellem und Potentiellem aus – wobei sich das Potentielle nicht in Gänze erschließen lässt – und alle Entscheidung immer mit der Unsicherheit der unerschlossenen Potentialitäten umgehen muss. Die zentrale Erkenntnis in der Lektüre der Luhmannschen Ausführungen zur Komplexität ist aber die Erkenntnis, dass sich Komplexität nicht reduzieren lässt. So wird es darum gehen, trotz bzw. mit der Komplexität umzugehen, Entscheidungen zu treffen, Zukunft zu gestalten.

Anders gesagt: Komplexität ist nicht das Problem, das es zu lösen gilt. Komplexität ist die Lösung für die vielen Herausforderungen, mit denen das Management sich heute konfrontiert sieht. Diese Wendung fordert Management und Beratung dazu auf, sich Gedanken darüber zu machen, was es heißt, Komplexität als Lösung zu betrachten. Einige Ansätze dazu finden sich in unserem neuen Buch.

Und was wäre Ihre Antwort?

Mehr zum Thema

  • 10. Oktober 07 ─ Lesezeit: 1 Min.
    Univ. Prof. Dr. Rudolf Wimmer

    Mehr-Generationen-Familienunternehmen

    Familienunternehmen gelten vielen als altmodisch oder gar als "Auslaufmodelle". Das Gegenteil ist...

  • 30. September 14 ─ Lesezeit: 2 Min.
    Dr. Reinhart Nagel

    The Golden Circle - eine neue Managementmode?

    Der "Golden Circle“ von Simon Sinek wird derzeit als ein beliebtes Erklärungsmodell für...

  • 16. April 14 ─ Lesezeit: 2 Min.
    Dr. Tania Lieckweg

    Strategieentwicklung in multirationalen Organisationen

    In dem kürzlich erschienen Buch „Multirationales Management. Der erfolgreiche Umgang mit...

  • 29. April 14 ─ Lesezeit: 3 Min.
    Dr. Katrin Glatzel

    Radikales Management - Hype oder Revolution?

    "It’s the next Big Thing! (Or is it?)" Julian Birkinshaw, HBR May 2014„Was, um Himmels willen...“...

Anmeldung zum Newsletter