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09. Juni 20

Von der Präventionsmüdigkeit

 - was Lawinenhänge und Gesundheit gemeinsam haben.

Was uns in Zeiten von COVID-19 so verstört, sind die zahlreichen Fragezeichen so weit das Auge blickt: now - next - beyond? Was passiert wann? Reisefreiheit? Regulärer Schulbetrieb? Nächste Welle der Pandemie? Selten gab es so wenig Sichtweite, waren wir gezwungen, unsere Planungen, Überlegungen auf kurze Abschnitte zu beschränken. Fahren auf Sicht. Und wie sehr uns das erschöpft, nervt!

Nun, in der Phase der schrittweisen Lockerungen, neigen wir stark dazu, erlernte Vorsichtsmaßnahmen wieder schleifen zu lassen. "Die Zahlen sind so niedrig." "Was soll schon groß sein." Und gleichzeitig: das Virus ist da und wird weiter bleiben.

"Die Zeit - Österreich Ausgabe" bringt am 20.05. dazu einen spannenden Leitartikel. Das oben skizzierte Phänomen wird als "Präventions-Paradoxon" bezeichnet. Vorbeugende Maßnahmen lassen ein Risiko schwinden - und damit die Motivation, sich selbst und andere zu schützen.

Skitourengeher sind mit diesem Phänomen sehr vertraut. Da bewegen wir uns immer mit dem Lawinenrisiko Hand in Hand. Wir wissen nie, wo in einem Hang die Schwachstellen der Schneedecke sind, die einen Lawinenabgang auslösen können. Wir wissen nur, es gibt sie, sie sind da. Versteckt, unmarkiert, unsichtbar. Immer. Wie auch die Corona-Viren. Es gibt keine 100% sichere Skitour.

Was also tun, wenn der Berg ruft, wir uns nach der Einsamkeit und Stille sehnen? Danach, unsere eigenen Spuren sowohl im Aufstieg als auch bei der Abfahrt zu hinterlassen. Und erst die Abfahrt! Als Erste einen frisch verschneiten Hang herabschwingen hat einen ganz besonderen Zauber. Was tun?
Um diesen Sport verantwortungsvoll auszuüben, müssen wir lernen, die herrschenden Risiken zu verstehen und so zu handeln, dass wir sie möglichst reduzieren. Dazu gibt es hervorragende Ausbildungen bei alpinen Vereinen.

Prävention und Vorbereitung einer Tour sind dabei genauso unerlässlich wie die kritische Beurteilung der Situation vor Ort im Aufstieg und bei der Abfahrt.
Was wir beim Skitourengehen jedoch nicht können, ist, aus Erfahrung zu lernen. Wir wissen nie, wie knapp wir einer Lawine entkommen sind. Wir bekommen am Ende der Abfahrt kein Feedback darüber, ob wir die Pulverschnee-Rinne nicht doch hätten fahren können.

Diese fehlende positive Rückmeldung, ob es sich "gelohnt" hat, den Wetterbericht und die Lawinengefahrenstufe zu checken, ein neues kostspieliges Lawinenpieps zu kaufen, Schaufel und Sonde im Rucksack mit zu schleppen, gleich zu Beginn der Tour alle LVS-Geräte auf Funktionstüchtigkeit zu überprüfen, eine aussagekräftige Karte dabei zu haben UND vielleicht auch auf den herrlichen und steilen Gipfelhang zu verzichten ... all das führt zum "prevention-fatigue".
Immer wieder beginnen in Skitouren-Gruppen die Diskussionen erneut: "Brauchen wir bei Lawinengefahrenstufe 2 wirklich ein Pieps?" "Nein, Schaufel und Sonde hab ich heute wirklich nicht dabei." "Auf dem Hang gab's noch nie eine Lawine!"

Gleichzeitig sind all diese Sicherheitsmaßnahmen die einzige Chance, im Ernstfall so rasch wie möglich von anderen geborgen zu werden bzw. andere bergen zu können.

Was können wir daraus für Erkenntnisse ziehen, wenn wir an die kommenden Monate denken, in denen wir uns an den Alltag mit Corona gewöhnen? Denn der Virus ist da und wird weiter bleiben.

Eine der großen Chancen dieser Zeit ist, dass wir uns intensiv mit Gesundheit und Prävention auseinander gesetzt haben. Auch wenn die kommenden Wochen zunehmend Lockerungen bringen, können wir es jetzt schaffen, das Thema Gesundheit weiterhin fürsorglicher zu behandeln als zuvor. Denn Gesundheit ist nicht das Gegenteil von Krankheit, sondern ein lebenslanger Prozess, in dem es wesentlich darum geht, was uns im Leben wichtig ist (nach Lauterbach, 2008). Die zentrale Frage "Wozu will ich gesund bleiben?" schließt neben ganz schlichten Präventionsmaßnahmen wie Alltags-Hygiene auch Perspektiven wie den Erhalt von Lebensbalancen und Lebensqualitäten, die prägenden Sinnfragen und Lebensausrichtungen ein.

Die Aufrechterhaltung dieses Bewusstseins kann Führungskräfte dabei unterstützen, Gesundheitsprävention auch trotz "Corona-Müdigkeit" weiterhin hochzuhalten und im Betrieb zu fördern. Skitourengehen macht (gerade durch Risiko-Reduktion) immens viel Spaß! Entspannte und innovative Treffen mit Kolleginnen, Kollegen, Freundinnen, Freunden, Kundinnen und Kunden zu erleben, wird wieder leichter möglich werden. Bleiben wir dabei auch zum Thema Gesundheit im Gespräch!

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