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11. April 13

It's all about »context sensivity - oder: Was man auf den Straßen Indiens über Leadership lernen kann

Am 02. März ist gut die Hälfte der osb international zu einer Learning Journey nach Indien aufgebrochen. 1,3 Mrd. Menschen, 22 Sprachen, 28 Bundesstaaten und unzählige Gottheiten - 14 Tage standen für die 15 Beraterinnen und Berater und ihren indischen Reisebegleiter Ujale Alam ganz im Zeichen von faszinierenden Begegnungen und Eindrücken.

Auf unserer Reise von Delhi über Hyderabad, Bangalore bis zu den tropischen Stränden Keralas beschäftigte uns nicht nur die Frage nach dem Unterschied zwischen dem Indian und dem European Way of Business. Mit mindestens der gleichen Intensität betrachteten wir Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklungsdynamik Indiens, die Rolle von Politik und Religion, etc.

Interessante Begegnungen

Unsere Reise führte uns über die Dächer von Bangalore zu einem schweizerisch-indischen Architektenbüro für nachhaltiges Leben und Bauen, zu einem Priester, der mit seiner Frau ein Schul- und Bildungsprojekt für die Allerärmsten entwickelt hat sowie zu einem der attraktivsten Arbeitgeber der Welt - Infosys. In Hyderabad besuchten wir einen Vordenker auf dem Gebiet der Forschung rund um indische Familienunternehmen an der Indian School of Business. Wir kamen mit vier Schwestern zusammen, hoch erfolgreichen Women Entrepreneurs, die den größten Health Care Konzern Indiens managen, sich aber in Fragen der Haushaltsführung ihren Schwiegermüttern unterordnen. Wir trafen indische Topmanager deutscher Konzerne, einen indischen Unternehmer, der soeben seinen ersten Wirtschaftsthriller veröffentlicht hat und natürlich auch einen geistigen Führer, einen Mönch in seinem Ashram. Nicht alles, aber vieles von dem, was den "osb'lern" auf der Reise begegnet ist, lässt sich in unserem Blog nachlesen, welcher von wechselnden Autorinnen und Autoren geführt wurde.

Faszinierende Eindrücke

Hier findet sich mit dem Beitrag "Traffic in India, or: the art of honking" von Hendrikje Kühne auch ein Hinweis auf das Phänomen, welches uns gleichermaßen fasziniert, inspiriert und überfordert hat: Die vollkommen ungewohnte Verkehrssituation auf den Straßen der Großstädte mit ihrem unvorstellbaren Lärm und Gedränge. Sich im Verkehr zu bewegen bedeutet zuallererst einem dauerhaften Hup- und Blinkkonzert ausgesetzt zu sein. Es hupt von links, es hupt von recht, es hupt vorne, es hupt hinten, es hupt schlicht überall. Hier fahren Busse neben Transportern, neben Tuc Tucs, neben Fahrrädern und Fußgängern, die sich dazwischen durchschlängeln, neben Kleinwagen, neben Limousinen und manchmal auch neben Kühen. Und überall dazwischen, in den kleinsten Lücken, die sich anbieten: Motorräder. Vielmehr Motorroller, besetzt mit ganzen Familien. Hupen und blinken tun sie alle. Es geht darum, sich bemerkbar zu machen. Verkehrsregeln, die aus Sicht des westlich geprägten Gemüts zu einer Erhöhung der Sicherheit und des stabilen Verkehrsflusses beitragen würden, beachtet niemand. Überholt wird links und rechts gleichermaßen und wahlweise, ohne für uns erkennbares System. Eine für das konservative Auge zweispurige Straße wird mindestens vierspurig befahren. Große Kreuzungen verfügen über keine Ampeln. Wie es den Verkehrsteilnehmern gelingt, diese Art von Kreuzungen zu passieren, bleibt rätselhaft. Man sitzt also inmitten des wogenden Verkehrs in dem Kleinwagen, der einen von A nach B bringen soll und fragt sich: Werde ich jemals heil an mein Ziel gelangen? Die Antwort lautet: Ja. Wir sind heil an jedes unserer Ziele gelangt - und noch dazu durchwegs pünktlich. Der Verkehr in den indischen Großstädten mutet chaotisch an, doch er fließt. Zwar ist es voll, übervoll, fast überall. Doch von Stillstand keine Spur. Nicht ein Stau ist uns begegnet, in dem wir schlicht gestanden hätten, in dem es kein Vor- oder Zurück mehr gab, in dem nichts mehr in Bewegung war. Mit einer nahezu schlafwandlerischen Sicherheit bewegen die Inder sich durch dieses Chaos. Sei es zu Fuß, mit Pferdewagen, auf dem Roller oder in der Limousine - alles kommt voran. Mit erstaunlich wenig Unfällen.

"context sensitivity"

Eine unserer Gesprächspartnerinnen, die Wissenschafterin und Autorin Katharina Kakar, hat dieses Phänomen mit der Eigenschaft der "context sensitivity" erklärt. "context sensitivity" wird in Indien ganz natürlich mit dem Aufwachsen erworben - und kann in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft beobachtet werden. Es handelt sich dabei um ein ausgeprägtes Gespür für die Situation, um die natürlich erworbene Fähigkeit komplexe Situationen gleichermaßen ruhig und gelassen wie auch ohne Stillstand zu bewältigen. Das offenbar chaotische System funktioniert, der Verkehr ist im Fluss. Wer die andern im Auge behält, sich selbst bemerkbar macht und - vor allem - niemals stillsteht, kommt gut voran. "context sensitivity" ist nicht nur auf den Straßen Indiens gefragt. Auch in Fragen der Unternehmensführung durften wir eine ausgeprägte Sensitivität für den jeweiligen Kontext beobachten. Geführt wird zunächst nicht über klar vereinbarte mittel- und langfristige Ziele. Geführt wird vielmehr in einem ständigen Wechselspiel aus Nähe und Distanz, aus enger Anleitung und laufen lassen, aus strategischer Orientierung und flexiblem Aufgreifen des sich bietenden Situationspotenzials. Und noch eine andere Art der "context sensitivity" ist allgegenwärtig: Nahezu alle Unternehmen, die wir in Indien getroffen haben, verfügen über ein ausgeprägtes Engagement im Bereich der corporate responsibility - und zwar auf eine sehr direkte Art und Weise. Sie sorgen für das unmittelbare Umfeld ihrer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, beispielsweise für die Sauberkeit der Straßenzüge, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnen, für die Errichtung von Toiletten in den Schulen, in die ihre Kinder gehen (weshalb auch Mädchen diese Bildungseinrichtungen frequentieren). Die Unterstützung von Bildungseinrichtungen und Gesundheitsvorsorge stehen überall auf der Tagesordnung.

Demnächst: osb Kundendialoge zu "context sensitivity"

Unsere Erfahrungen mit "context sensitivity", die Frage nach ihrer Bedeutung für das europäische Führungsverständnis, das Arbeiten in internationalen Kooperationen und weitere Beobachtungen zu Wirtschaft und Gesellschaft Indiens wollen wir im Rahmen von Kundendialogen in Wien, Hamburg und Berlin mit Ihnen teilen.

Kundendialog Wien: "Doing business in India: Herausforderungen und Chancen einer Gesellschaft im Umbruch": 23. Mai 2013, 17:00-20:00 Uhr, in den Räumen der osb Wien

Kundendialog Berlin: "Leadership in India": 27. Juni 2013, 17-20 Uhr, in den Räumen der osb Berlin

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