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25. März 20

Die drei Bühnen der Krise

Hatten wir als Gesellschaft schon einmal die Möglichkeit, in einer Krise solchen Ausmaßes sowohl auf der Bühne zu stehen als auch in der ersten Reihe zu sitzen? Wir sind gleichzeitig Beteiligte, Betroffene und Beobachter. Bei der aktuellen durchschnittlichen Verdopplungszeit von 3,5 Tagen ist es eine Frage der Zeit, bis wir uns persönlich mit dem Angriff des Virus konfrontiert sehen. Dazu wünsche ich jedem körperliche Robustheit - auch um an den Auseinandersetzungen auf den unterschiedlichen Bühnen engagiert mitzuwirken.

Auf der ersten Bühne wird die Ausbreitung des Virus bekämpft. Und das scheint im Augenblick gut zu gelingen. Um die Infektionskurve zu verflachen ist der Kontakt fundamental eingeschränkt worden. Die gesetzlichen Verordnungen haben ihren Beitrag geleistet. Wir haben aber auch erlebt, wie unverbindlich diese eingehalten wurden. Das Isarufer in München war wie zu besten Frühlingstagen mit tausenden von Spaziergängern bevölkert. Erst die Überzeugungsarbeit durch den vielfältigen gesellschaftlichen Dialog hat mit einer zeitlichen Verzögerung zu einer breiten Akzeptanz geführt.

Auf der zweiten Bühne werden die wirtschaftlichen Folgen diskutiert. Prof. Clemens Fuest, Präsident des Ifo Institutes erwartet "flächendeckend rote Zahlen". Alexander Dibelius, Ex -Deutschlandchef von Goldman Sachs, geht noch einen Schritt weiter und befürchtet die "größte globale Rezession seit 100 Jahren". Das sind sehr bedrohliche Szenarien. In der Ölkrise von 1973 gelingt es dem niederländischen Unternehmen Royal Dutch Shell relativ unbeschadet durch die wirtschaftlichen Turbulenzen zu kommen, weil sich die gesamte obere Führungsmannschaft gemeinsam mittels Szenarien vorbereitet hatte. Das schnelle Handeln in der Krise braucht als Voraussetzung ein Alignment im Führungskreis.

Auf der dritten Bühne tobt der Streit um die gesellschaftlichen Werte, fast schon kategorisch geht es um Freiheit oder Gesundheit. Tim Höttges, Vorstandsvorsitzender Deutsche Telekom beschreibt, welche besondere Rolle die deutsche Angst hier spielt. "Wir Deutschen haben die Tradition, dass wir uns überwacht fühlen, dass unsere individuellen Rechte und damit unsere Daten in irgendeiner Weise missbraucht werden".

Es ist wichtig, dass wir diese Diskussion führen. Mit Augenmaß, denn täglich hinterlassen wir bei Googls Maps oder Amazon gigantische Datenspuren, die diese Unternehmen verwerten.

Brauchen wir jetzt nicht den selektiven Wandel, ein Stück Abschied vom ausgeuferten Individualismus der letzten 50 Jahre? Gelingt es uns, Aktivität um eine Prise Nachdenklichkeit zu ergänzen, sehen wir ein fast unschlagbares Team auf der Bühne.

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