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Lean Strategy statt Full Strategy? Was geht da ab?

06.12.2017

Lean meint schlank, schmal, abgespeckt. Lean Strategy ist eine Antwort auf die simple Frage, wie Strategie in Zeiten Digitaler Transformation und einer dynamischen Entwicklung von Branchengrenzen und Geschäftsmodellen entwickelt werden kann. Diese Frage ist derzeit so virulent, dass uns de facto keine strategische Fragestellung in Organisationen begegnet, wo das nicht zumindest ein Teil der Ausgangssituation ist. Da geht also richtig etwas ab :)! Wer Lean Strategy sagt, ist zwangsläufig in der Verpflichtung auch mitzuteilen, was eigentlich das Gegenteil ist. „Fat strategy?“ Wohl eher nicht. Unsere Definition einer Lean Strategy grenzt diese viel eher von einer "Vollversion" eines strategischen Zielbildes, einer Full oder Comprehensive Strategy ab. Im Schnelldurchlauf (ausführlich dazu vgl. Dietl 2018, in Druck) hier der Versuch einer begrifflichen Schärfung einer "Full Strategy" und eine Skizze ("MVP") dazu, was wesentliche Inhalte einer Lean Strategy sind.

Was ist eine Full Strategy?

Ein vollständiges Zielbild umfasst im inneren Kern Mission, Vision und Werte einer Organisation oder Organisationseinheit. Die Strategie beschreibt dann die konkreten Ziele, das oder die Geschäftsmodelle und nicht zuletzt die wichtigsten strategischen Initiativen und Handlungsfelder zum Erreichen dieser Ziele. Alle diese Elemente sind in einem dynamischen Zusammenhang zu sehen und werden in der täglichen Unternehmenspraxis natürlich auch evolutionär verändert. Nützlich wird ein solches Zielbild dadurch, dass es operative Entscheidungen deutlich beschleunigt.

"Sollen wir diesen Auftrag annehmen?",
"Investieren wir in dieser Region?",
"Greifen wir diese Produktidee auf?",

all das sind Fragen, die schnell entschieden werden können, wenn es Grundsatzentscheidungen zu Zielmärkten, Produktportfolio, Geschäftsmodellen und Werten gibt. Ohne Strategie – und das wird ja oft genug erlebt – aktiviert jeder Einzelfall Grundsatzfragen, wobei deren Bearbeitung am konkreten Einzelfall häufig als Verlangsamung oder sogar Entscheidungsschwäche erlebt wird.

Abb: Strategisches Zielbild („Full Strategy“)
Quelle: Erscheint in: Walter Dietl, "Strategieentwicklung für Unternehmensfunktionen", Schäffer-Poeschel, 2018

Elemente einer Lean Strategy

Lean Strategy ist eine Antwort auf die besondere Situation, dass in hochdynamischen Märkten oder Marktsegmenten manche Grundsatzfragen ebenso dynamisch laufend mitentwickelt werden müssen. In Start-ups sind die Produkte (Anm.: Dienstleistungen sind hiermit ebenso gemeint) und die entsprechenden Geschäftsmodelle in laufender iterativer Veränderung. Angetrieben von einer Vision werden sie in schnellen "Build-Measure-Learn" Zyklen (Ries, 2011) ständig weiterentwickelt. Eine Lean Strategy ist daher tatsächlich anders aufgebaut als eine Full Strategy. Die Vision ist häufig gleichermaßen die Vision einer durch ein revolutionäres Produkt nachhaltig veränderten Welt wie ein Bild der eigenen Rolle und Identität in dieser Welt. Die konkrete Arbeitsteilung zwischen der eigenen Organisation und anderen Mitspielern – und damit der eigene angestrebte Beitrag dabei – sind dynamisch in Bewegung. Eine breit formulierte Mission (immer häufiger wird hier der englische Begriff "Purpose" genutzt) dient gleichermaßen als Leitstern. Beide zusammen – Mission / Purpose und Vision – beschreiben, welchen Unterschied die Organisation für und in der Welt machen möchte. Der Sinn/Zweck/"Purpose" bleibt: Es geht darum, eine bestimmte Möglichkeit in die Welt zu bringen und dabei eine bedeutende Rolle zu spielen. Zugrundeliegende Werte werden eher implizit in der Vision und Mission (Purpose) vermittelt und nicht unbedingt explizit gemacht.

Das Geschäftsmodell hingegen ist kein stabiles Element. In dynamischen "Ökosystemen" mit fließenden Branchengrenzen und teilweise noch nicht etablierten Wertschöpfungsketten geht es darum, gleichzeitig die eigenen Ideen voranzutreiben und gegebenenfalls sehr kurzfristig auch grundlegende Festlegungen anzupassen. Für signifikante Veränderungen des Geschäftsmodells und der Strategie bei Start-Ups hat sich der englische Begriff des "Pivoting" zwischenzeitlich etabliert. Damit ist ein strategischer Kurswechsel auf Basis erster Erfahrungen, Kundenfeedbacks oder nicht vorher bekannter Entwicklungen im Markt und beim Wettbewerb gemeint. Geschäftsmodelle sind daher eher dynamische Arbeitshypothesen und kein Element der Lean Strategy.


Obwohl klare Ziele gerade in dynamischen Zeiten eine wichtige Rolle spielen, sind die Ziele einer Lean Strategy operativer orientiert. Der Fokus liegt auf dem nächsten größeren Meilenstein zur Umsetzung. Dafür gibt es sehr konkrete Handlungspläne, Arbeitspakete und Verantwortlichkeiten. Die Ziele sind der Bezugspunkt für die Priorisierung und die Ressourcensteuerung im täglichen operativen Betrieb. Umsetzungspläne werden zwar ggf. laufend angepasst, aber gerade agile Methoden erfordern in vieler Hinsicht besonders präzise Aufträge und minutiöse Steuerung im Detail.

Eine Darstellung der Elemente eines Lean Strategy Zielbildes sieht – als MVP (Minimal Viable Product) – so aus:

Damit arbeiten wir derzeit in Projekten mit Start-Ups und Innovation Hubs größerer Organisationen. Weiterentwicklung folgt – getreu dem Prinzip "Build-Measure-Learn".

Quellen:

  • Dietl, W./Nagel, R. (2014): Die Zukunft erfinden – Strategieentwicklung im Dritten Modus. In: Wimmer, R./Glatzel, K./Lieckweg, T. (Hrsg.): Beratung im Dritten Modus. Heidelberg: Carl-Auer.
  • Dietl, W. (2018; in Druck), „Strategieentwicklung für Unternehmensfunktionen“, Schäffer-Poeschel.
  • Nagel, R./Wimmer, R. (2014): Systemische Strategieentwicklung (6. Aufl.). Stuttgart: Schäffer-Poeschel
  • Ries, E. (2011): The Lean Startup. London: Penguin Random House.

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